100 Jahre Molekulare Lebensmittel- und Ernährungforschung

Nach 99 Jahren erfolgreichen Wirkens als „Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie“ firmiert das Institut seit 7. September 2017 unter dem Namen Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München. 100 Jahre Leibniz-Institut spiegeln die Entwicklung der Lebensmittel- und Ernährungsforschung im 20. und 21. Jahrhundert in Deutschland wider. Zu Beginn hatte die Forschung des Instituts das primäre Ziel, die Ernährung der Bevölkerung in Zeiten kriegsbedingter Lebensmittelnöte zu verbessern. Heute kombiniert das Institut Methoden der biomolekularen Grundlagenforschung mit Analysemethoden der Bioinformatik und analytischen Hochleistungstechnologien, um das komplexe Wechselspiel zwischen menschlichem Organismus und Lebensmittelinhaltsstoffen zu erforschen. Die Wissenschaftler des Instituts verfolgen dabei das Ziel, die Inhaltsstoff- und Funktionsprofile von Nahrungsmitteln an den nutritiven und gesundheitlichen Bedürfnissen, den sensorischen Vorlieben sowie der Akzeptanz der Verbraucher auszurichten. Basierend auf ihrer Forschung entwickelte Produkte sollen dazu beitragen, die Bevölkerung auch in Zukunft nachhaltig und ausreichend mit gesundheitsfördernden und wohlschmeckenden Lebensmitteln zu versorgen. Darüber hinaus sollen die neu gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu dienen, personalisierte Ernährungskonzepte zu entwickeln. Diese sollen zum Beispiel Menschen mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit helfen, ohne Einschränkung der Lebensqualität ihre Gesundheit zu erhalten.

Am Freitag, dem 15. Juni 2018, wollen wir unser 100-jähriges Jubiläum gemeinsam mit unseren Alumni, Forschungspartnern, Freunden und Unterstützern im Rahmen eines wissenschaftlichen Festsymposiums gebührend würdigen. Sie erwarten spannende Vorträge von international bekannten Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sowie ein Fest, bei dem wir bis in den Abend hinein gemeinsam feiern wollen.

Wir freuen uns darauf, Sie als angemeldeten Gast am 15. Juni 2018 bei uns in Freising zu begrüßen!

Programm der Jubiläumsfeier

Chronologie der Forschung:

1918 - 1928

Auf Initiative von Geheimrat Prof. Dr. Dr. Theodor Paul, Inhaber des Lehrstuhls für Pharmazie und angewandte Chemie der Universität München, gründeten am 3. April 1918 die Staatsministerien des königlichen Hauses und des Äußeren sowie des Inneren beider Abteilungen das Vorgängerinstitut, die Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie (DFA), als öffentlich-rechtliche Stiftung. In den Jahren 1918 bis 1928 legte Prof. Paul als Gründungsdirektor den Grundstein für eine naturwissenschaftlich fundierte Lebensmittel- und Ernährungsforschung.

1928 - 1945

1928 übernahm der deutsche Chemiker Prof. Dr. Benno Bleyer die Führung des Instituts, das er bis 1945 leitete. Unter ihm konzentrierte sich die Forschung zunächst auf Fragen zur Chemie in Getränken sowie auf biochemische und ernährungsphysiologische Fragestellungen zu pflanzlichen und tierischen Phosphatiden, Kohlenhydraten und Lipiden.

1946 - 1968

Der Lebensmittelchemiker Prof. Dr. Siegfried Walter Souci, der Bleyer nachfolgte und das Institut von 1946 bis 1968 leitete, beschäftigte sich mit Lebensmittel-Zusatzstoffen sowie Forschungsfragen der Wasserchemie und der Balneologie (Bäderheilkunde). Diese umfasst unter anderem die therapeutische Anwendung natürlicher Heilquellen und Heilgase in Form von Bädern, Trinkkuren und Inhalationen. Sein Tabellenwerk „Zusammensetzung der Lebensmittel“ (Erstauflage 1962), das in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Heinrich Kraut und Dr. Walter Fachmann entstand, führen die Wissenschaftler des Instituts bis heute fort. Als Nährwerttabelle „Souci-Fachmann-Kraut“ hat es sich längst zu einem internationalen Standardwerk entwickelt und steht der Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch der breiten Öffentlichkeit sowohl als Printversion als auch als Online-Tabelle zur Verfügung.

1969 - 1993

Von 1969 bis 1993 richtete Prof. Dr. Hans-Dieter Belitz das Institut thematisch auf Struktur-Wirkungsbeziehungen von Geschmacksstoffen und Proteinen aus. Zu seinen einflussreichsten Arbeiten gehört seine Forschung zu Getreideproteinen. Hierzu zählt unter anderem das Gluten, das auch als Klebereiweiß bekannt ist und die besonderen Backeigenschaften des Weizens definiert. Belitz‘ Forschung hat einerseits dazu beigetragen, die molekularen Protein-Wechselwirkungen beim Brotbacken besser zu verstehen. Andererseits ist es ihm gelungen, die Struktur toxischer Sequenzen von Getreideproteinen aufzuklären, die bei einigen Menschen aufgrund ihrer erblichen Veranlagung Zöliakie hervorrufen. Dabei handelt es sich um eine chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut, die sowohl Merkmale einer Allergie als auch einer Autoimmunerkrankung aufweist.

1993 - 2016

Nach kommissarischer Institutsleitung durch Prof. Dr. Werner Grosch (1993-1995), hat der Lebensmittelchemiker Prof. Dr. Peter Schieberle (1995-2016) insbesondere das Forschungsgebiet der „Molekularen Sensorik“ neu definiert. Er hat das Institut mit seinen bahnbrechenden Arbeiten zur Entschlüsselung der komplexen Geruchsstoffsysteme von Lebensmitteln zu höchster internationaler Reputation geführt. Entgegen bisheriger Sichtweisen konnte er zeigen, dass sich die nahezu unendliche Vielfalt an Lebensmittelaromen aus lediglich ~230 Schlüsselgeruchsstoffen der ~10.000 flüchtigen Lebensmittelinhaltsstoffe zusammensetzt. Dabei sind von diesen zwischen 3 und ~40 Verbindungen, jeweils in spezifischen Konzentrationsverhältnissen, völlig hinreichend, um die authentische Geruchswahrnehmung von Lebensmitteln zu rekonstruieren.

Seit 2017

Seit September 2017 verfolgt das Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München unter Führung von Prof. Dr. Thomas Hofmann, einen hoch interdisziplinären und translationalen Ansatz, der weit über die ehemalige Stammdisziplin der Lebensmittelchemie hinausgewachsen ist. Mit ihm erhält das Institut ein einzigartiges, neues Forschungsprofil, welches an der Schnittstelle zwischen Lebensmittelchemie & Biologie, Technologie & Chemosensorik sowie Bioinformatik & Maschinelles Lernen angesiedelt ist. Durch eine enge Verbindung von Grundlagenforschung und translationaler Technologieentwicklung liefert das Institut einen wertvollen Beitrag zur nachhaltigen Versorgung mit Lebensmitteln, deren Inhaltsstoff- und Funktionsprofile an den Präferenzen, der Akzeptanz und den nutritiven Bedürfnissen der Verbraucher ausgerichtet sind.  Weit über die Kenntnis von Einzelmolekülen hinausgehend, erarbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein neues, molekulares Systemverständnis, welches die komplexen Wirksysteme biologisch relevanter Inhaltsstoffe beginnend von den Rohstoffen über maßgeschneiderte Lebensmittelprodukte hinaus bis hin zu deren physiologischen Wechselwirkungen mit dem menschlichen Organismus umfasst. Mit neuen Kenntnissen zur nachhaltigen Produktion gesunder und schmackhafter Lebensmittel sowie der Entwicklung personalisierter Ernährungskonzepte leistet das Institut wertvolle Beiträge, um die zahlreichen Herausforderungen in Zeiten einer wachsenden Weltbevölkerung, knapper werdenden Ressourcen und einer zunehmenden Prävalenz an ernährungsassozierten Erkrankungen zu bewältigen.